Geheime Hinter-den-Kulissen-Berichte und ausgewählte Konzerterlebnisse
ach vielen Jahren Bandgeschichte wurden wir endlich einmal zum berühmten Wave Gotik Treffen in Leipzig eingeladen. Wir behaupten immer, dass wir im Jahr 2000 schon mal dort waren, weil wir aufgrund eines interessanten Versehens in den offiziellen Annalen des WGT vorkommen, aber das stimmt nicht. Es ist ein bisschen wie mit dem Gastspiel in Hamburg, das in Wahrheit in Brande-Hörnerkirchen stattgefunden hat. Oder wie die Schweiztour, die strenggenommen aus zwei Konzerten bestand. Es ist immer etwas dran an den Legenden, aber gern flunkern wir eben auch ein bisschen. Wir sind darin jedoch nicht schlimmer als andere Leute, die in einer ungewissen Zukunft auf ein Leben voller frisierter Mopeds und gemachter Brüste werden zurückblicken müssen.
Na ja, jedenfalls war es nun endlich soweit mit uns und dem WGT.
Die Vorzeichen waren spitzenmäßig, wir waren für Montag in der Agrahalle eingeplant, auf der so genannten Mainstage. Das gefiel uns gut. Aber natürlich spielte sich unser Aufenthalt wieder einmal nicht ohne Spannung bis zur letzten Minute ab. Wir ziehen die Probleme einfach magisch an.
"Agrahalle, ach du Scheiße", dämpfte Ralf von The House of Usher, mit dem wir uns zwecks Erfahrungsaustausch besprachen, bereits im Vorfeld unsere Freude, "da wird man nur so durchgereicht, und der Sound ist ganz schlecht! Das wird ganz schrecklich!"
"Wirklich", hakte Oliver vorsichtig nach, "meinst du?"
"Und dann auch noch ohne richtigen Soundcheck", wetterte Ralf, "das könnt ihr total vergessen!"
"Immerhin müssen wir fast nichts mitbringen", versuchte Oliver das Positive zu sehen, "Schlagzeug und Backline sind da."
"Also, wir", sagte Ralf, "würden das auf keinen Fall noch mal machen wollen."
Das alles konnte unsere gute Stimmung im Großen und Ganzen aber nicht trüben, wir fühlten uns unweigerlich wie die Headliner der Herzen.
Guter Dinge trafen wir am Samstag in Leipzig ein. Da Oli L. verhindert war, wurde er, wie bereits angekündigt, von Lars vertreten, der sich als Bühnenoutfit einen Hut ausgesucht hatte. Die anderen sollten ihre beliebten Magierroben tragen, Rainer zusätzlich eine Pestmaske, doch die Pestmaske hatten wir zu Hause gelassen, weil kein Platz mehr im Bulli gewesen war, genau wie Olivers zweite schwarze Jeans.
"Hast du denn die andere schwarze Jeans dabei", erkundigte ich mich vorsichtshalber. Schließlich war Oliver bekanntermaßen neunzehnhundertneunundneunzig in Soest schon einmal in einer roten kurzen Hose mit Sandalen aufgetreten, während wir anderen unsere Mittelalteralterkostüme getragen hatten. Und es hatte dafür keine vernünftige Erklärung wie zum Beispiel eine verlorene Wette gegeben. Dieser Vorfall ist entsprechend als noch immer ungeklärtes Mysterium in die Bandgeschichte eingegangen.
"Ja sicher", entgegnete er, als sei angemessene Kleidung in seinen Augen das Selbstverständlichste von der Welt, "glaubst du vielleicht, ich würde in der Posthose auftreten?"
Er wies veranschaulichend auf das kleine gelbe Posthorn, mit dem die linke Tasche seiner Hose bestickt war.
"Hm", sagte ich, "ganz ehrlich?"
Oliver winkte beleidigt ab.
Im Hotel, das den außergewöhnlichen Namen Balance trug, begegneten wir als Erstes unseren alten Bekannten Bloody, Dead and Sexy und plauderten ein wenig von Star zu Star.
"Wann seid ihr denn dran", fragten wir.
"Heute", sagten Bloody, Dead and Sexy, "und niemand wird kommen!"
"Zu uns auch nicht", beruhigten wir sie.
Dann schellte mein Handy und Markus meldete sich.
"Markus", rief ich, "wie geht es dir?"
Normalerweise bin ich nicht so höflich, doch diesmal gab es einen Grund.
"Es ist schon besser geworden", erläuterte Markus mit leicht schleppender Stimme, "aber weg ist es noch nicht."
"Und was bedeutet das", fragte ich aufgeregt.
"Ich sag euch morgen Bescheid", erwiderte Markus wie ein Medium, das eine wichtige Eingebung erwartet.
"Wie, morgen", hakte ich ungeduldig nach, "wann, morgen?"
"Morgen abend", gab Markus ungerührt zurück.
Beklommen legte ich auf. Oliver blickte mich erwartungsvoll an.
"Er weiß noch nicht, ob er kommt", erklärte ich düster.
Markus litt bereits seit Tagen an Rückenschmerzen, war nicht zur Arbeit gegangen und hatte sich Spritzen verabreichen lassen. "Eine Verrenkung", sagte er.
"Er hat wieder einen Bandscheibenvorfall", diagnostizierte Oliver hingegen überzeugt, "das ist doch ganz klar!"
Das Schlimme war, dass Markus nicht nur sich selbst, sondern auch Dorothee mitbringen würde, für die im Bulli kein Platz mehr gewesen war.
"Scheiße", sagte ich.
Am nächsten Tag waren um halb zwei in der Nacht Alien Sex Fiend an der Reihe, als Mitternachts-Spezial, ein Ereignis, das ich aufgrund akuter Mattigkeit zu verpassen drohte, denn wir hatten am Nachmittag bereits einen Violet-Tribe-Auftritt hinter uns gebracht, und zwar den erst zweiten Auftritt der Welt, und das gleich vor potenziellen zwanzigtausend Besuchern. Vor lauter überwundener Nervosität fühlte ich mich schon um elf Uhr schlafbereit.
"Wenn ich um eins mit dem Taxi losfahre", überlegte ich und ließ mich erschöpft auf die Hotelbettkante sinken, "könnte ich kurz ein bisschen gucken und um zwei wieder zurückfahren."
"Also, ich nicht", gähnte Oliver und zog sich die Decke über den Kopf.
"Aber Nik Fiend und Mrs. Fiend", wandte ich ein.
"Mir egal", murmelte Oliver.
Zum ersten Mal in meinem Leben bereute ich, dass ich mich nicht für fünf Pfennig mit Aufputschmitteln auskannte. Und das als Rockstar!
Und dann war auch schon Montag, ohne dass ich mich in der Nacht noch dazu aufgerafft hätte, das wichtige Konzert zu besichtigen. Doch es blieb keine Zeit, mir darüber ausgiebig Vorwürfe zu machen, denn am Morgen klingelte in aller Frühe das Telefon.
"Markus", rief ich, "wie geht es dir?"
Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte ich, ob ich mich möglicherweise überraschend in einer übersinnlichen Raum-Zeit-Schleife verfangen hatte.
"Gut", antwortete Markus da jedoch wie aus der Pistole geschossen, "wir sind gleich da!"
Daraufhin waren wir schrecklich erleichtert.
Vor dem Auftritt nahmen wir das Cateringangebot wahr, das einladend auf pinke, mit Totenköpfchen geschmückte Wachstuchdecken drapiert auf uns wartete. Es gab verschiedene Speisen und Desserts sowie originelle Heiß- und Kaltgetränke. Nur die Autogrammjäger, Verehrer und Paparazzi, die sich nach tagelangem Ausharren vor unserem Hotel illegal in den Backstagebereich geschmuggelt hatten, fehlten.
"Wie war die Fahrt", fragte Oliver und musterte Dorothee lauernd. Dorothee war das einzige Bandmitglied, das freiwillig mit Markus gefahren war. Selbst Rainer hatte sich geweigert.
"Nee", hatte er mit für ihn völlig untypischer Inbrunst gesagt, "da kann mal schön jemand anders mitfahren!"
"Gut", sagte Dorothee und kaute zufrieden an einer Melonenscheibe.
Wir waren beeindruckt.
In unserem Raum hinter der Bühne genossen wir noch eine Weile den Service, bevor wir uns allmählich umziehen mussten.
"Obst und Süßigkeiten kommen gleich", sagte unser Betreuer, der sich als der Tourmanager einiger amerikanischer Hardcorebands vorgestellt hatte, deren Namen er uns jedoch nicht verraten wollte. Man muss allerdings dazusagen, dass wir auch nicht gefragt haben. "Die spielen auf Festivals vor sechzigtausend Leuten", führte der Betreuer dennoch aus, "wenn ihr was braucht, sagt einfach Bescheid! Zumindest so lange es nichts Exotisches ist, Lacrimosa gestern hatten da die tollsten Wünsche. Meine Bands hab ich da ganz anders erzogen, obwohl die zum Teil dreihundert Tage im Jahr auf Tour sind. Dagegen sind Lacrimosa die reinsten Hobbymusiker!"
"Was das wohl für Bands sind", flüsterte Lars' Freundin Sarah ehrfürchtig.
Wir erfuhren es nie.
Nach nur wenigen Stunden Vorbereitungszeit betrachteten Dorothee und ich uns im Spiegel.
"Wir sehen aus wie zwei Revuedamen", fand Dorothee.
Wir fanden, dass wir so gehen konnten, und machten uns auf den Weg zur Bühne. Lars hatte sich bereits den Hut übergestreift, während Markus verzerrt Geige spielte.
"Soll das so sein", fragte der Techniker.
Oliver lief unterdessen hektisch von rechts nach links, bis ihn ein anderer Techniker anhielt.
"Wo ist denn euer Banner", fragte er.
"Wir haben kein Banner", sagte Oliver.
Der Techniker machte ein Gesicht, das viel über die Meinung verriet, die er dazu hatte.
"Aha", sagte er schließlich, "und wo soll euer Merchandise hin?"
"Wir, äh", erwiderte Oliver, "wir haben kein Merchandise."
Der Techniker legte irritiert die Stirn in Falten.
"Verstehe", sagte er. Dann ging er weg und widmete sich Dorothees Cello.
"Merchandise kostet fünfzig Euro hier in der Agrahalle", erklärte Oliver, als Daniel ihn vorwurfsvoll ansah, "und weißt du, wie teuer so ein verdammter Lappen mit unserm Namen drauf ist?"
Daniel wusste es nicht.
Zum Glück wurde alles gar nicht so schlimm, wie Ralf vorausgesagt hatte. Bei Exult war noch alles schief, wie das davon existierende Livevideo beweist, aber danach ging es bergauf und die Leute zeigten sich interessiert an unserer Darbietung. Nach exakt fünfzig Minuten waren wir fertig.
"Genau sieben Uhr", sagte der erste Techniker, "das nenn ich mal pünktlich!"
Erst auf der Heimfahrt fiel mir ein, dass ich nicht nur auf der gleichen Bühne umherspaziert war wie nur wenige Stunden zuvor Nik Fiend und Mrs. Fiend, sondern auch aus dem gleichen Backstagewasserspender Erfrischungen in einen Plastikbecher aus dem vermutlich gleichen Plastikbecherstapel gefüllt hatte, welchen auch die Fiends benutzt hatten, denn wie Nik Fiend während des Konzerts rätselhaft im Kreis schleicht und dabei aus seinem Backstageplastikbecher nippt, ist deutlich auf einem der You-Tube-Videos zu sehen, die ich zu Hause sofort anaylisiert habe. Es war ein kleiner Trost.
Vorher hatten wir jedoch noch ausladen müssen. Wieder einmal war es Nacht geworden und wir blickten vom Treppenabsatz unserer Residenz über dem Gildenstübchen im sozialen Brennpunkt am Rande des Ruhrgebiets zurück auf ein interessantes Pfingstwochenende. Gerade noch bei Obst und Süßigkeiten, dachte ich, und jetzt muss man seine Sachen schon wieder alle selber schleppen.
"Meine Beine fühlen sich komisch an", bemerkte Lars.
"Das ist die Thrombose", erklärte ich, "vom langen Sitzen."
"Ja", sagte Lars und rieb sich beunruhigt den Oberschenkel, "das hab ich auch schon gedacht!"
"Ihr seid aber gut gefahren", lobte Sarah, "Olli und du."
"Das hören wir selten", sagte ich.
Begleitet vom Rumoren der letzten Gildenstübchenbesucher zerstreute sich die Reisegesellschaft in alle Winde. Bis zum nächsten Abenteuer.
eine Ahnung, wie andere Bands das machen, aber bei uns wird das Proben oft zum Abenteuer.
"Mama", rief Dorothee und meinte mich damit, "habt ihr ein altes Handy über?"
"Hm", zögerte ich, denn ich hatte ihr beim letzten Treffen bereits eine Jacke geliehen und noch nicht wieder zurückbekommen.
"Meins ist voller Apfelsaft", erläuterte Dorothee.
"Na gut", ließ ich mich überreden und öffnete die Tür zu einer unserer beiden Abstellkammern, in der ich wider Erwarten tatsächlich auf Anhieb ein altes Handy fand, das dort für Notfälle ruhte. In unserer Wohnung ist alles doppelt, die Badezimmer, die Flure, die Eingangstüren, die Telefonanschlüsse, die Abstellkammern. Das liegt daran, dass unsere Wohnung ehemals als zwei Wohnungen geplant war. Das ist aber noch nicht das Gute an der Wohnung, das Gute ist vielmehr, dass wir umsonst auf dem Dachboden herumlärmen dürfen. Der Dachboden war ursprünglich ebenfalls als Wohnung geplant, darf jedoch nicht als solche vermietet werden, da die Deckenhöhe jeglicher Vernunft widerspricht. Man kann bequem auf dem Dachboden sitzen, aber mit dem Stehen ist es schon schwieriger, zumindest wenn man sehr groß ist oder ein Instrument spielt, das einen überragt, zum Beispiel Theorbe. Bei uns spielt allerdings niemand Theorbe.
"Danke", bedankte sich Dorothee, "super!"
Im Hausflur hörte man Leute rauf und runter laufen, es klingelte mehrmals und Türen schlugen. Das bedeutete, dass es bald losgehen würde mit der Probe.
"Lass uns mal hochgehen", regte ich an.
Dorothee schlenderte Richtung Wohnungstür und probierte das alte Handy aus.
"Hat das etwa keinen Vibrationsdings", wollte sie wissen.
"Keine Ahnung", sagte ich, "huch!"
Ich war erschrocken, denn aus dem einen Badezimmer trat unverhofft ein ganz in schwarz gekleideter Mann mit langen Haaren.
"Hallo", sagte er.
"Ach", fiel es mir wieder ein, "Lars!"
Lars würde Oli L. bei einem kommenden Konzert vertreten, daher hatten wir ihn für den heutigen Tag zum Üben eingeladen.
Oben auf dem zwischengeschossartigen Dachboden hatte unterdessen Markus seinen Verstärker nicht mitgebracht und musste anders angeschlossen werden.
"Man hört die Geige gar nicht", stellte ich fest.
Das war ungewohnt, denn bei uns ist selten die Gitarre (Oliver) das Lauteste, wie bei vielen anderen Bands, sondern die Geige (Markus).
"Das fällt hier immer aus", bemerkte Markus und geigte unhörbar vor sich hin.
"SCHEISSE", erklärte Oliver, "UND DABEI HAB ICH HIER ALLES SO SCHÖN VORBEREITET!"
Da klingelte es.
"Das ist bestimmt Lily", vermutete ich.
"TOLL", bollerte Oliver, "WIR WOLLTEN UM VIER UHR ANFANGEN, JETZT IST ES HALB FÜNF!"
"Morgen", grüßte Lily munter in die Runde.
Ich half Lily dabei, eines unserer Hackbretter in ihr Auto zu hieven, denn beim mit Violet verwandten neu gegründeten Violet Tribe muss sie einmal darauf spielen.
"Warte", befahl sie und hielt ihr Telefon wie eine Wünschelrute über das Instrument, "spiel mal eben, ich filme das kurz!"
Nachdem Lily wieder weggefahren war, konnte es endlich losgehen.
"Es ist fünf Uhr", stellte Oliver fest. Es klang resigniert.
"Ich muss noch mal eben auf Toilette", sagte Dorothee, "kann ich den Schlüssel für unten haben?"
"Ich hab hier keinen Click auf dem Kopfhörer", sagte Daniel.
"Hat es gerade geklingelt", fragte Oliver und spitzte die Ohren.
"Ich hab nichts gehört", sagte Lars und dokterte lautstark an seinem Bass herum.
"Ausschließen würde ich es nicht", sagte Markus.
"Ich geh mal runter und gucke nach", beschloss Oliver.

Da kam Dorothee von der Toilette zurück.
"Im Gästeklo ist das Papier alle", informierte sie uns.
"Was ist denn das Gästeklo", hakte ich nach. Meines Wissens haben wir kein Gästeklo.
"Na, dann eben Olivers Klo", korrigierte Dorothee.
Eines unserer beiden Klos ist rosa, und zwar komplett, mit rosa Fliesen und rosa Wänden, das andere ist gelb und mit Mein-kleines-Pony-Ponys verziert.
"Welches genau", fragte ich, "ist denn Olivers Klo?"
"Das rosane", behauptete Dorothee.
"Da war keiner", erklärte Oliver, als er zu uns zurückkehrte.
"Vielleicht wollte sich jemand beschweren", überlegte Markus, "über die Lautstärke."
"Hier hat sich noch nie jemand beschwert", sagte Rainer.
"Doch", erinnerte sich Oliver und hängte sich seine Gitarre um, "einmal. Einer von gegenüber."
"Ja", rief Lars vergnügt, "da war ich noch dabei, das war vor zehn Jahren!" womit der Schuldige nun eindeutig ermittelt werden konnte.
Wenig später klingelte es erneut.
"Das ist Gurbet", wusste Oliver, "der wollte sich eine Trommel ausleihen."
Es war tatsächlich Gurbet, doch er war nicht allein.
"Hier unten ist die Polizei", rief er von der Treppe aus.
"Haha", rief Oliver zurück, "lustiger Witz!"
"Nein", beharrte Gurbet, "jetzt echt!"
Die Polizei bestand aus zwei jungen Frauen.
"Das dürfen wir nicht sagen, wer genau sich beschwert hat", blieben sie diskret.
"Nummer vierundfünfzig", sprach es vernehmlich aus dem Funkgerät.
"Oh", sagte die eine Polizistin, "na ja."
"Wir müssen mal mit denen reden", sagte Oliver diplomatisch, was sehr untypisch für ihn ist, wie jeder weiß, "die sollen einfach demnächst kurz klingeln, dann machen wir leiser."
"Haben sie schon", erwiderte die andere Polizistin.
"Heute müssen Sie aber wirklich leiser machen", mahnte die eine Polizistin sanft.
"Klar", sagte ich, "machen wir."
"Schönen Sonntag noch", verabschiedeten sich die Polizistinnen.
"Ey", staunte Gurbet und manövrierte unsere Djembe aus einer dunklen Ecke, "komm ich hier an, steht die Polizei da!"
Er trug einen Bart und wirkte unseriös.
"Warum trägst du einen Bart", wollte ich wissen.
"Ich bin seit Tagen im Studio am Aufnehmen", gab er Auskunft, "da bin ich nicht zum Rasieren gekommen."
"Ach so", sagte ich.
Ab da machten wir wirklich leiser.
ürzlich wurden wir von einem Veranstalter eingeladen, in Altenkirchen zu spielen. Altenkirchen liegt im Westerwald, der sich bekanntlich durch seine Mittelgebirgigkeit auszeichnet. Das war nichts für Oliver.
"Da ist schon wieder ein Abgrund", rief er und verkroch sich tief hinter dem Fahrersitz, "wenn man da runterfällt!"
"Da kann man nicht runterfallen", gab Dorothee zurück, "man würde an den Bäumen hängenbleiben."
"Das ist mir egal", klagte Oliver, "ich habe schon wieder dieses Schweizgefühl!"
"In der Schweiz", führte ich an Dorothee gewandt aus, "gab es keine Leitplanken."
"Fahren wir gerade schon wieder bergab", fragte Oliver.
"Gerade fahren wir bergauf", kommentierte ich die sich laufend verändernde Sachlage.
"Und jetzt bergab", sagte Dorothee.
"Und gleich kommt eine Haarnadelkurve", ergänzte ich.
"Ich würde es Serpentinen nennen", fügte Dorothee unbarmherzig hinzu.
"Ich spiele nur noch im Flachland", beschloss Oliver.
Der Auftrittsort in Altenkirchen war ein Hotel, dass in der Zukunft zu einer Art Club umgestaltet werden soll. Der künftige Club hieß Kultursalon.
Der Kultursalon war vollständig mit grünbraun gemustertem Teppichboden ausgelegt, der aus den Siebzigerjahren stammte. Es gab einige, extra für uns errichtete Bühnenelemente, auf denen die ganze Band jedoch keinen Platz hatte. Deshalb mussten Dorothee und ich auf dem Teppichboden stehen. Das machte uns jedoch nichts aus, schließlich sind wir Stars zum Anfassen.
"Jetzt kommt noch das Unangenehme", verkündigte der Veranstalter und blickte uns der Reihe nach eindringlich an. Wir rechneten mit allem. "Könntet ihr bitte nicht ganz so laut spielen", präzisierte der Mann, "es kommen wahrscheinlich ein paar ältere Leute."
Im Frühstücksraum des Hotels durften wir uns umziehen, Kaffee kochen und Schnittchen verzehren. Wir hatten jede Menge Platz, bloß einen Spiegel gab es nicht.
Als ich mich fertig verkleidet hatte, kamen mir Zweifel an der Angemessenheit meiner Garderode. Ich dachte an die intime Atmosphäre des Kultursalons und spiegelte mich kritisch in der Fensterscheibe.
"Findest du nicht", fragte ich Markus, der sich gerade sein weißes Hemd anzog, das für die Darbietung der Modern-Life-Revue zur Standardausstattung unter den männlichen Violetmitgliedern gehörte, "dass das ein bisschen viel ist?"
Ich deutete veranschaulichend auf die zahlreichen Blumen und Federn auf meinem Kopf.
"Nein", sagte Markus.
"Nein", vergewisserte ich mich und warf einen erneuten Blick in die Fensterscheibe, vor der die undurchdringliche Westerwälder Nacht hereinbrach.
"Ältere Leute legen ja mehr Wert auf Kleidung", sagte Markus.
"Du meinst", fragte ich, "auf speziell diese Kleidung?" Ich wies auf meine Melodiahose, den durchsichtigen Rock und den Strapsgürtel.
"Also, ich zum Beispiel", führte Markus aus, "lege auch mehr Wert auf Kleidung als ein Zwanzigjähriger."
Ich fand, dass das keine Antwort war, und gab es auf.
Da machte Rainer einen Schamhaarwitz.
"Fragt ein Mann den anderen:", begann er, "Gibt es Blondinen mit roten Schamhaaren? Sagt der andere: Meistens nein, in der Regel ja."
Daniel lachte. Es klang verzweifelt.
Dann wurde uns bestellt, dass der Lokalreporter eingetroffen sei und Oliver zu sprechen wünsche.
"Nein", widersetzte sich dieser, "Bianca, mach du das!"
"Ich kann nicht", wehrte ich mich, "ich bin schon im Kostüm."
"Dann Dorothee", befahl Oliver.
"Wieso ich", fragte Dorothee.
"Daniel", ließ Oliver nicht locker, "geh mal dahin und erzähl ihm was!"
Daniel brachte den Lokalreporter mit in den Frühstücksraum. Der Lokalreporter trug ein kleines Tier auf der Schulter, eines, wie es in alten Apotheken manchmal auf der Kasse sitzt, bauschförmig, mit Plastikaugen und einem Klebestreifen an der Unterseite, und begehrte noch immer ein schriftliches Dokument, dass über unsere Identitäten Auskunft gab.
"Haben wir nicht", rief Oliver aus dem Hintergrund.
"Wer ist denn die Leitung", erkundigte sich der Lokalreporter.
"Das ist unsere Frontfrau", sagte Daniel und zeigte mit dem Finger auf mich.
"Und Sie sind die Leitung", fragte der Lokalreporter.
"Eigentlich", wich ich aus, "sind wir eine sehr demokratische Band!"
"Haben Sie denn eine Homepage", wollte der Lokalreporter sich nicht mit unseren vagen Informationen zufrieden geben.
"Ja", antwortete Daniel eifrig, "violet-net.de"
"Mit den spektakulären Violet-Tagebüchern", konnte ich es mir nicht hinzuzufügen verkneifen.
"Aha", sagte der Lokalreporter.
Später berichtete uns einer unserer Spione, der Lokalreporter habe beim Verlassen des Kultursalons laut und verächtlich zum Veranstalter gesagt: Na, das war ja eine tolle Präsentation!
"Bianca", rief Oliver streng, "du musst noch das Auto umparken!"
"Warum", fragte ich und spähte in die Dunkelheit hinaus. Es war weit und breit kein anderes Auto zu sehen, das mir das zugefrorene Areal vor dem Kultursalon als Parkplatz hätte streitig machen wollen.
"Dann mach ich es eben selbst", bellte Oliver und schritt entschlossen zur Tür.
Dorothee hob ratlos die Brauen.
"Das ist ganz normal", erläuterte ich, "er hat die berühmte Angst vor dem asymmetrischen Parken."
"Hm", sagte Dorothee.
"Er hat auch Angst vor Wespen und Zecken und Ungeziefer im Allgemeinen", fuhr ich fort, "und vor Hunden. Und davor, dass die Technik versagt."
Na gut, das war allerdings eine ziemlich vernünftige Angst.

Auf der Rückfahrt beschlich Oliver die Angst vor dem leeren Tank.
"Da ist eine Tankstelle", bemerkte er, "halt an!"
"Der Tank ist noch Dreiviertelvoll", gab Dorothee zu bedenken.
"Na und", fragte Oliver.
"Das ist ganz normal", sagte ich, "er hat auch Angst vor abgelaufenen Lebensmitteln, offenen Jalousien am Abend und Aquaplaning."
"Also, die Angst vor dem leeren Tank gefällt mir aber am besten", fand Dorothee.
Wenn sie sie öfter miterleben müsste, würde sie das wahrscheinlich nicht sagen.
etztendlich durfte Rainer nun doch beim Video zu Come closer to the fire mitmachen. Aber nur zufällig.
"Ich brauch euch noch mal in blauem Licht", sagte Oliver, "zum Beispiel die Stellen, wo du singst." Zwar war nur ich anwesend, doch er schloss vorsichtshalber eine beliebige Anzahl anderer Bandmitglieder in seine Ansprache mit ein.
"Wieso", erkundigte ich mich.
"Weil das gut zu den Szenen mit der Schlangenfrau passt", erklärte er, "die sind auch in blauem Licht."
"Nein", präzisierte ich, "wieso brauchst du noch mal die Stellen, wo ich singe? Die haben wir doch schon."
Oliver, der sich selbst bekanntlich gern der Produzent nennt, duckte sich beschämt.
Haben wir nicht", murmelte er.
"Ach ja, stimmt", fiel es mir wieder ein und ich musste lachen, "du hast ja damals nur unsere Füße gefilmt!"
Der Produzent fand das nicht lustig.
"So", sagte der Produzent, blickte streng in die Runde, die mal wieder nur aus mir bestand, und verschränkte die Arme vor der Brust, "Markus holt dich um vier Uhr ab, Rainer kommt direkt zum Garten."
"Oh", wunderte ich mich, "Rainer?"
Eigentlich hatte Rainer wieder keine Zeit gehabt.
"Seine Verabredung hat abgesagt", erklärte der Produzent.
"Aha", sagte ich und begann Blumen und falsche Haare in meine Frisur zu integrieren.
"Bis gleich", verabschiedete sich der Produzent hektisch, "ich habs eilig!"
Markus hatte den Motor laufen lassen, während er auf mich wartete, sodass es in seinem Auto, das nur zwei Sitze hat, dafür aber sehr dicht über den Erdboden gleitet, als müsse es sich vor den anderen Verkehrsteilnehmern verstecken, angenehm warm war. Das war zwar von Nachteil für die Umwelt, aber von Vorteil für mich. Draußen herrschten nämlich unter null Grad.
"Nicht so schnell fahren", bat ich, "ja?"
"Oliver hat schon am Telefon gesagt, dass du Angst hast", verriet Markus.
"Und zwar zu recht", erwiderte ich.
"Haha", sagte Markus.
Zu meinem Glück war bis zum Garten überall Zone Dreißig.
Am Tor zur Kleingartenanlage stand bereits die Mutter des Produzenten Wache, um im Zweifelsfall besorgte Nachbarn davon abzuhalten, die Feuerwehr zu rufen. Das war wichtig, denn es handelte sich um ihren Garten und somit um ihre Verantwortung.
"Hallo", sagte ich.
"Hallo", sagte Markus.
"Hallo", sagte Olivers Mutter und vergrub das Kinn tief in ihrem Schal, "bis jetzt ist alles in Ordnung."
"Gut", sagte ich, "dann gehen wir mal rein."
Markus und ich schoben ein vereistes Gebüsch zur Seite und schlinderten den Weg zum finster in der Dämmerung aufragenden Gartenhaus entlang. Aus der Tür leuchtete es blau und dichte Rauchschwaden drangen in die Umgebung.
"Super", jubelte der Produzent, "das sieht original aus wie in einem osteuropäischen Horrorfilm von neunzehnhundertzweiundachtzig!"
Rainer und Markus stülpten ihre so genannten Magierroben über und setzten die Kapuzen auf.
"Oder wie etwas Esoterisches", assoziierte ich, "mit Mönchen."
Nachdem ich zwei, drei Durchgänge lang so getan hatte, als würde ich singen, waren die Mönche dran.
"Markus", rief der Produzent, "könntest du vielleicht ein bisschen schwanken?"
Markus schwankte, aber man sah ihn kaum.
"Du musst weiter nach vorne kommen", befahl Oliver.
ach all den großen, internationalen Erfolgen beschlossen wir, mal wieder zu Hause in Hamm zu spielen, denn man soll ja trotz Prominenz in Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Spanien und USA so bleiben, wie man ist. Da die anderen allerdings allmählich eingebildet werden, traf es sich gut, dass gerade ein Wettbewerb vor der Tür stand: Hamms beste Band.
"Sollen wir dieses Jahr bei Hamms beste Band mitmachen", erkundigte Oliver sich arglos.
"Nein", sagte ich entschlossen.
"Aber sie haben uns gefragt", ließ er nicht locker und blickte konzentriert auf den Bildschirm, auf dem gespenstisch eine Email leuchtete, "sie würden uns gern dabei haben!"
"Natürlich würden sie das", erinnerte ich ihn, "weil wir keine Punk- oder Metalband sind."
Hamm bringt seit jeher ausschließlich Punk- und Metalbands hervor, das liegt an der trostlosen Umgebung, den vielen sozialen Brennpunkten und dem ehemaligen Testreaktor. Diese Umstände machen die Leute aggressiv.
"Aber diesmal gibt es einen Kulturförderpreis", lockte Oliver, "das sind zweitausend Euro für den Sieger!"
"Hm", sagte ich.
"Ich schreib denen jetzt einfach", machte Oliver Nägel mit Köpfen und begann eifrig zu tippen, "dass wir gern mitmachen würden."
"Ist das nicht ein bisschen masochistisch", fragte Dorothee vorsichtig und blickte sich in der Halle um, in der die Techniker hin und her huschten wie die Ameisen und die Punk- und Metalbands ihre meterhohen Verstärker hereinschleppten.
"Quatsch", fand Oliver, "ihr sollt nicht immer schon im Vorfeld schlechte Stimmung machen!"
"Aber", wandte ich ein, "niemand, der uns gut findet, geht zu Hamms beste Band."
"Das macht nichts", fand Oliver, "so erreicht man auch mal neue Leute."
Dann begann das Konzert. Die erste Band zeichnete sich dadurch aus, dass sie in apokalyptischer Geschwindigkeit auf ihre Instrumente eindrosch, als sei ihnen der Leibhaftige auf den Fersen. Das Publikum jauchzte vor Vergnügen. Es bestand zum großen Teil aus sehr jungen Mädchen.

"Das war ganz toll", erklärte ein anderer der Veranstalter bei Schnittchen und Gulaschsuppe in der Cafeteria, die für die Dauer des Konzerts VIP-Bereich hieß und den Bands und der Jury als Ruheraum diente, "wirklich, ganz toll! Aber ob es gereicht hat?" Er wiegte skeptisch den Kopf hin und her. "Das Publikum war ja ein bisschen verhalten. Jedenfalls", fuhr er unbarmherzig fort, "find ich das sehr mutig, dass ihr euch beworben habt!"
"Mutig sind Leute, die nackt in Talkshows auftreten", gab ich zu bedenken.
"Wenn sich mal ein paar mehr Bands aus anderen Richtungen bewerben würden", ignorierte der Veranstalter meinen Einwand, "dann wäre das Programm viel bunter! Aber es bewerben sich eben meistens härtere Bands."
"Ich kenne Sie", rief ein Kind, als ich mir gerade eine der härteren Bands ansah, und strahlte mich freundlich an, "Sie sind die Postbotin!"
"Stimmt", gab ich zu.
Es war deprimierend.
"HAMM", brüllte die sich wild auf der Bühne umherwerfende Band aus Hamm, "IHR SEID GEIL!"
Genau das Gleiche haben die Bands auf dem Hörnfest auch immer gesagt, fiel mir auf, interessant. (Vgl. Eintrag vom 30. Juli 2008.)
Am Ende gewannen wir leider keinen Preis.
"Ich fand euch gut", versuchte uns ein Mädchen zu trösten, "und so habt ihr wenigstens mal vor vielen Leuten gespielt!"
s war mal wieder an der Zeit, ein Video zu drehen. Das kann bei uns manchmal sehr plötzlich kommen.
"Sonntag drehen wir ein Video", sagte Oliver.
"Was", fragte ich verwirrt, "morgen?"
"Genau", bestätigte Oliver, kratzte sich abwesend am Kinn und betrachtete konzentriert einige indische Impressionen auf seinem Bildschirm, die der falsche Dr. Dänemark vor langer Zeit bei seinem Aufenthalt am Ganges für uns gefilmt hatte (vgl. Eintrag vom 11. Januar), "zu Come closer."
"Ich dachte", wandte ich ein, "Sonntag kann Rainer nicht?"
"Wenn er lieber wegfahren will", ließ Oliver sich nicht beirren, "ist das sein Problem."
"Hätten wir ihn nicht wenigstens fragen sollen", gab ich zu bedenken, "ob er im Video vorkommen will?"
"Wann denn", fragte Oliver, lehnte sich zurück und setzte seine einschüchternde Videoproduzentenmiene auf.
"Stimmt", bemerkte ich, "ich habe es ja auch gerade erst erfahren."
"Rainer", gab sich der Produzent versöhnlich, "retuschieren wir später einfach rein."
Damit alles so echt wie möglich aussah, begannen wir unsere Aufnahmen im kleinen Hindutempel in Hamm in der Sedanstraße. Dort hatte gerade ein Fest stattgefunden und alles wirkte sehr authentisch.
"Stellt euch doch mal direkt in den Eingang", forderte der Videoproduzent Markus, Oli L., Daniel und mich auf, "nein, in die Mitte! Nein, weiter nach links! Jetzt stellt euch doch mal genau in die Mitte!" Die vom Fest übrig gebliebenen Inder lugten neugierig aus Fenstern und Türen.
"Und jetzt mach mal Action, Bianca", gab der Produzent eine neue Anweisung.
"Tanzen, oder was", hakte ich nach.
"WAS DENN SONST", bellte er.
"Das klang ein bisschen missverständlich", half Markus ihm auf die Sprünge.
Ich begann folgsam einen Tanz, leider ohne Musik. Die Inder hieben dazu im Hintergrund ein paar Kokosnüsse entzwei.
"Und jetzt kommt ihr mal auf mich zu", rief der Produzent, "AUF MICH ZU-HU! Hierhin", er winkte hektisch. Wir kamen auf ihn zu. "Das reicht", fand er.
Verstohlen sah ich mich um und betastete die vielen künstlichen Blumen, die ich mir auf den Kopf montiert hatte.
"Die halten uns doch für total bescheuert", raunte ich Daniel zu.
Daniel nickte beschämt.
"Tschüss", rief Markus höflich.
"Tschüss", riefen die Inder.
"So", sagte Oliver, stieg ins Auto und reichte mir das Navigationsgerät, "und jetzt fahren wir nach Uentrop. Drück einfach auf Spracheingabe."
In Hamm-Uentrop befindet sich der große, in ganz Europa berühmte Hindutempel, den man mit dem kleinen maximal in puncto Farbgebung vergleichen kann. Die Außenwände sind in beiden Fällen rot-weiß gestreift, wie eine Zuckerstange.
"Nennen Sie die Stadt", befahl das Navigationsgerät.
"Hamm", sagte ich klar und deutlich.
"Pissen", fragte das Navigationsgerät freundlich.
"HAMM", wiederholte ich.
"Fissen", fragte das Navigationsgerät.
"Nein, nein, HAMM", rief ich.
"Pissen", fragte das Navigationsgerät ungerührt. Es ließ sich beim besten Willen nicht provozieren.
"Es versteht mich nicht", wandte ich mich hilflos an den Produzenten.
"Lass mich das mal machen", sagte er gönnerhaft und nahm mir das Gerät weg.
"Nennen Sie die Stadt", bat das Gerät.
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es den Produzenten verstehen würde, denn er spricht am liebsten hastig und leicht verschwommen.
"Hamm", sagte er.
"Hamm", fragte das Gerät.
Zufrieden drückte Oliver auf Fertig und machte sich bereit, die Hindutempel-Straße einzugeben.
"Ich konnte mir auch nicht vorstellen, warum das auf einmal nicht mehr funktionieren soll", erklärte er hochnäsig.
Am großen Hindutempel waren am gleichen Tag bereits zwei Hochzeiten gefeiert worden, trotzdem wirkten das Gelände und der Souvenirstand verlassen, wenn man von dem Meditationsgesang absah, der vom Tempelinneren über eine Beschallungsanlage nach draußen übertragen wurde.
"Jetzt stellt euch mal der Reihe nach vor das rote Bild da", sagte der Produzent und zückte die Kamera. Der Gesang endete alle paar Sekunden mit der gleichen Wendung und begann dann von Neuem.
"Was das wohl heißt", fragte sich Daniel.
"Das heißt", vermutete Oli L., "ihr Touristen da mit der dämlichen Kamera, geht nach Hause."
Markus posierte unterdessen vor dem roten Bild und lächelte sympathisch.
"Nicht lächeln", ordnete Oliver an.
"Okay", lächelte Markus.
Er konnte einfach nicht anders.
Dann sollten wir wieder alle mit ins Bild und ich musste Playback singen. Zu diesem Zweck hatte Oli L. eigens seinen mp3-Player mitgebracht. Unser Lied mischte sich schauerlich mit dem Tempelgesang. Ich genierte mich ein bisschen.
"Jetzt wieder Action, Bianca", verlangte der Produzent.
Was tut man nicht alles für die Kunst, dachte ich und legte ein paar seltsame Verrenkungen hin.
"Stopp", rief Oliver nach einer Weile, "okay, das wars. Da sind super Aufnahmen dabei! Moment, ich filme mal eben noch das Männeken da oben."
Er legte den Kopf in den Nacken, kniff ein Auge zu und zoomte eine kunterbunte Figur heran, die vor dem strahlend blauen und original indisch wirkenden Himmel auf dem Rand des Tempeldaches hockte.
Als wir uns zu Hause die Filme ansahen, fiel uns auf, dass Oliver häufig den Record-Knopf mit dem Pause-Knopf verwechselt hatte, sodass wir sehr lange am Stück schwankende Nahaufnahmen von unseren Füßen auf uns wirken lassen konnten. "Ach", versuchte der Produzent uns zu beschwichtigen, "da ist auf jeden Fall was dabei!"

ch habe nur versucht, die Band so pünktlich wie möglich an ihren Auftrittsort zu befördern. Und die Frau auf dem Bild könnte ja wohl jeder sein.
m Pfingstsonntag war Gothic-Family-Festival, die Gegenveranstaltung zum WGT. Natürlich ein großer Erfolg, denn wir waren dabei. Als Überraschung haben wir auch gleich unseren Praktikanten mitgebracht, Lars, denn alle immer nur Olaf nennen. Sylvia, die alle immer nur Tante Sylvia nennen, hat vor vielen Jahren nämlich mal gesagt: Und, macht der Olaf noch bei euch mit? Sie wollte einfach nicht glauben, dass es keinen Olaf bei uns gab, musste es aber irgendwann einsehen.
Es ist ja folgendermaßen, wie Insider längst wissen: Olaf war mal bei uns Bassist. Heute ist er unser Netzmeister und Praktikant, denn mit der Netzmeisterei kann man Geld verdienen, mit der Band nicht. Zumindest nicht mit DIESER Band.
Beim Gothic-Family-Festival, das sich im Duisburger PULP ereignete, behelligten wir die Leute zum ersten Mal mit unserem bis dato streng verheimlichten Modern-Life-Live-Programm. Das wurde aber auch Zeit, immer nur Eden, Eden, Eden. Eineinhalb Jahre lang im fucking Paradies! Das hält ja kein Mensch aus. Jetzt jedoch sind wir endlich wieder back in hell, auch vom Gefühl her. Es war zum Beispiel im Vergleich zur Landesgartenschau sehr dunkel und unheimlich im PULP.
Es fehlte bloß bis kurz vorher noch das optische Element. Zwar habe ich mir ein neues Kleid angelacht und Oliver trug sein erst ein Jahr altes Hörnerfest-T-Shirt, doch das konnte ja noch nicht alles sein. War es auch nicht. Denn zum Glück hatte ich in letzter Minute Dorothee, die neuerdings alle immer nur Gudrun nennen, gefragt, ob sie nicht unser Showgirl sein möchte und ob sie möglicherweise noch andere potenzielle Showgirls kenne. Und zack, schon brachte Gudrun Christine mit. Christine sieht original aus wie Dita van Teese, kommt aus Transsylvanien und brachte ihre Knochengirlande mit, die uns sofort als geeignete Bühnendekoration erschien. Außer Christine brachte Gudrun zusätzlich eine selbergebastelte Gipsmaske mit, in die sie eigenhändig am Küchentisch Löcher für die Augen gemeißelt hatte. "Das musst du dir mal vorstellen", sagte sie ergriffen, "wenn du in etwas, das genauso aussieht wie dein eigenes Gesicht, Löcher stichst. Das musst dir mal vorstellen!" Ich stellte es mir schlimm vor.
Dann kam der Soundcheck.
"Wir machen keinen Soundcheck", entschied Oliver, "ich bau doch jetzt nicht alles auf, dann sofort wieder ab und nachher wieder auf!" Das war eine ganz neue, experimentelle Einstellung. Statt Soundcheck zu machen, lungerten wir auf einer Bank herum.
"Verkleiden wir uns nicht", erkundigte sich Markus.
"Nein", sagte Oliver, "ich trage gleich ein schlichtes, schwarzes T-Shirt."
Das war gelogen, denn er behielt hartnäckig sein Hörnerfest-T-Shirt an.
Markus sah an sich herab. Ich folgte seinem Blick. Nike, las ich.
"Das ist ja eigentlich auch schlicht", fand Markus.
"Wir können auch alle mit freiem Oberkörper spielen", schlug Oliver vor, "also, die Männer."
"Da bin ich sofort mit am Start", freute sich Olaf.
Sie trauten sich dann aber doch nicht.
Komischerweise kam es zu keinerlei technischen Schwierigkeiten, es wurde sogar geklatscht. Gut, einige wenige, die als Besucher hätten anwesend sein können, hatten sich für eine Reise nach Leipzig entscheiden, doch das machte uns nichts aus. Wir gaben alles. Fremde Menschen machten uns Komplimente, die Luft war lau und wir bekamen umsonst jede Menge zu essen, ein Luxus, den wir seit Oranienburg wieder sehr zu schätzen wissen. Wir waren insgesamt sehr unbekümmert.
Nach dem Konzert saßen wir noch lange zusammen an einem Tisch und benahmen uns wie ein Kegelclub, bloß ohne Trinksprüche. Wir stachen besonders durch ohrenbetäubendes Gelächter und starken Heuschnupfen hervor.
Nachdem wir den guten Eindruck, den unser Auftritt hinterlassen hatte, so gründlich wie möglich zerstört hatten, brachen wir auf.
"Du kommst immer wieder zu uns zurück", sagte ich zu Olaf, "wie ein Bumerang."
"Eher wie ein Hund", korrigierte der Praktikant nachdenklich, "der Bumerung kommt ja von alleine, den Hund muss man erst rufen."
Wo er recht hat, dachte ich und setzte mich ins Auto, um mit Oliver in die Nacht hinaus zu brausen, zurück ins schöne Hamm.
inmal wurden wir für die Landesgartenschau in Oranienburg engagiert. Dort führten wir das vorerst letzte Mal "The Book of Eden" live vor, und zwar in der Themenwoche "Käse, Milch, Wein und Brot".
Erstmalig machte Dorothee mit und bot unterwegs zum Einstand allen ihre mitgebrachten Radieschen an. Die meisten wollten aber keine.
Die Fahrt war sehr aufregend. Häufig suchte ich als eingefleischte Automatikfahrerin nach dem richtigen Gang. Der gemietete Bulli hatte leider sechs davon. Um die verlorene Zeit wieder wett zu machen, fuhr ich den Rest der Strecke über grundsätzlich so schnell es ging.
Überraschend früh trudelten wir auf diese Weise in der Pension Oranjehus ein, allen stand der Angstschweiß noch auf der Stirn, nur ich war frisch und munter.
"Ich muss mich erst mal hinlegen", sagte Gurbet wie immer.
Als er ausgeschlafen hatte, ging es auch schon los. Die insgesamt vierzehnköpfige Musizier-, Theater- und Tanztruppe nahm die "Bühne an der Orangerie" in Beschlag. Beim Soundcheck wollten alle noch mal üben, sodass eine schreckliche Kakophonie erklang. Das Publikum wartete schon gespannt und blickte neugierig zu uns auf. Dann fingen wir mit der echten Musik an. Familien mit Kindern bevölkerten die Sitze, ältere Menschen lächelten uns gütig zu. Mit uns aber ist nicht zu spaßen, wie jeder weiß. Rachsüchtig kurvte der Nigromant, der Unhold aus dem Lied "Der Nigromant", über die Bühne, gruselte die Kinder mit seiner fürchterlichen Maske und setzte seinen Opfern grausam zu. Die Opfer verdeutlichten ihr Entsetzen mit schauerlichen Grimassen, warfen sich wie tollwütig zu Boden und waren ganz in ihrem Element. Bei "Aberravi" kippte der Ritter Corax entleibt vom Stuhl, ständig schlurfte verhängnisvoll Gevatter Tod durch die Gegend. Manche Leute gingen daraufhin weg, was wir ihnen sehr übel nahmen. Hinterher erfuhren wir jedoch, dass der Park bereits um sechs Uhr schloss, und wir waren erst nach vier Uhr drangewesen.
Anschließend fühlten wir uns natürlich sehr ausgezehrt und sehnten uns nach einer warmen Mahlzeit. Da es im Cateringzelt gegen unsere Künstlerkarten nur dreißig Prozent Rabatt gab, entschieden wir uns dafür, das zu unserer Pension gehörige Restaurant zu nutzen.
Der Wirt freute sich, konnte aber auf die Schnelle nicht mit vierzehn verschiedenen Speisen dienen.
"Ick kann euch Hamburger anbieten", schlug er vor, "mit Pommes oder Kroketten oder Bratkartoffeln."
Mit Hamburgern meinte er allerdings keine Hamburger, sondern Schnitzel mit einem Ei obenauf. Auch die Getränke traten zum Teil unter anderem Namen auf, so hieß das Krefelder zum Beispiel Diesel. Der Wirt strahlte uns erwartungsvoll an. Einige waren mit den Hamburgern einverstanden, andere versteiften sich auf italienische Gerichte.
"Ihr könnt och Pizza bestellen", erlaubte der Wirt.
"Er sieht aus wie Peter Frankenfeld", fand der plötzlich aufgetauchte Freund von Thilo, dem Freund von Lily, "oder? Der sieht doch wohl aus wie Peter Frankenfeld!"
Den Deal mit der Pizza fanden wir super und bekamen sogar das Telefonbuch gereicht.
"Guten Abend", sprach Thilo in sein Handy, "ich möchte gern etwas bestellen. In die Pension Oranjehus. In den", alle kicherten, sodass er eine Pause einlegen musste, "in den Biergarten".
Die Pizza traf eigentümlicherweise genau zu dem Zeitpunkt ein, als Peter Frankenfeld gerade die Hamburger mit den Pommes beziehungsweise Kroketten beziehungsweise Bratkartoffeln kredenzte. Für umsonst gab es obendrein noch einen Kümmerling für jeden.
Kauend ließen wir die Veranstaltung Revue passieren. Gurbet war mit seiner Leistung sehr zufrieden.
"Ich liebe mich", lächelte er selig und hob sein Glas. Außerdem bescheinigte er Dorothee, die er beharrlich Gudrun nannte, schöne Augen.
"Ich heiße nicht Gudrun", sagte Dorothee.
"Sie heißt Dorothea", glaubte Daniel.
"Dorothee", sagte Dorothee.
"Ach so", rief Gurbet, "Dorothee! Wie komm ich denn auf Gudrun?"
"Ich trinke jetzt den Kümmerling", beschloss Dorothee.
Danach tranken die meisten von uns alles Mögliche durcheinander. Ein Glück, dachte ich, dann können sie morgen während der Fahrt nicht herumnörgeln. Tatsächlich verlief der Rückweg sehr friedlich.
"Ich glaube", verabschiedete sich Gurbet zu Hause, "ich leg mich noch mal hin."
anchmal kommen wir in die Zeitung, aber nicht immer ist dort genug Platz, um alle Antworten auf die zahlreichen Fragen, die wir immer gestellt bekommen, abzudrucken. Wir könnten ja ein ganzes Heft mit Spezialinformationen füllen, denn wir sind sehr kommunikativ! Natürlich haben wir aber Verständnis dafür, dass andere Bands auch mal was sagen wollen. Warum auch nicht?
Im "Gothic" kann man immerhin zwei Antworten nachlesen, aber da Ihr unbedingt Genaueres wissen wollen, wie wir dank unserer übersinnlichen Fähigkeiten wissen, wollen wir Euch an dieser Stelle exklusiv über alles aufklären, was Euch die Zeitung vorenthält.
GOTHIC: Euer neues Album heißt "Modern Life". Dazu passt auch das städtische Artwork samt Fernseherberg, das Lied, das genauso heißt, und Deine Texte, die durchaus auch mal zeitgeistkritischen Nachgeschmack haben. Dazu passt aber nach dem ersten Hinhören nicht so recht die Grundstimmung Eurer Musik, die bei mir eher lagerfeuerige Assoziationen weckt und die nicht immer bequemen Lyrics fast ein bisschen verschleiert. Wie gehen diese Gegensätze zusammen?
FRAU STÜCKER: "Lagerfeuerig" hat aber nichts mit Stimmungsmusik zu tun, oder? Wegen der geistigen Getränke, die um das Lagerfeuer herum ja gern genossen werden. Oh, und Kartoffeln! Hält man nicht Kartoffeln an Stäben in das Lagerfeuer hinein, um sie anschließend gegart zu verspeisen? Egal. Jedenfalls sind die Lieder alles in allem doch eher traurig, und wenn sie nicht traurig sind, dann haben sie zumindest traurige Texte. Man bräuchte ja nicht kritsch zu werden, wenn man mit allem einverstanden wäre.GOTHIC: Artwork und Albumtitel grenzen Euer neues Album insgesamt deutlich von seinem Vorgänger "The Book Of Eden", der als Soundtrack zu Kai Meyers gleichnamigem Buch konzipiert war, ab. Hattet Ihr danach die Nase voll davon, Euch als Im-weitesten-Sinne Mittelalterband zu präsentieren?
FRAU STÜCKER: Das Schlimme ist: Eigentlich waren wir schon immer eine ganz normale Band, die bloß leider keine ganz normalen Instrumente kann. Bei "The Book of Eden" passte das natürlich wie Graf auf Zahl! Na ja, und jetzt passt es ja irgendwie immer noch. Wir spielen Cembalo wie eine Hammondorgel, das muss uns erst mal einer nachmachen! Obwohl, vielleicht lieber nicht.
GOTHIC: Und inwiefern geht die Optikveränderung mit einer Weiterentwicklung Eurer Musik einher? Ist VIOLET im Vergleich zu früher "moderner" geworden?
FRAU STÜCKER: Nee, nee, für modern sind wir zu alt. Wir sind heutzutage ja sogar noch viel älter als früher. Eigentlich haben wir tatsächlich, wie gesagt, schon Anfang des Jahrtausends ganz normale Lieder mit hauptsächlich englischen Texten gemacht, bloß haben wir uns damals noch mittelalterlich verkleidet, und dann kam "The Book of Eden", da ging es ja nun nicht anders, und jetzt wollten wir einfach mal in ganz normal aufs Bild. Beziehungsweise ins Fernsehen.
GOTHIC: Mein "Unbequeme-Texte-in-sanfte-Musik-verpackt"-Eindruck lässt sich am besten an Eurer Coverversion von :WUMPSCUT:s "Wreath Of Barbs" verdeutlichen - wobei man hier vielleicht besser von einer :WUMPSCUT:-Neuerfindung sprechen sollte. Wie kommt man auf die Idee, ein Industriallied von einem nicht unumstrittenen Künstler in ein mittelalterlich-trip-hoppiges Gewand umzuverpacken?
FRAU STÜCKER: Wir stellen uns am liebsten vor, dass es sich so zugetragen haben könnte: Eines nachts saß der junge Herr Ratzinger in seinem Kellerverlies und überlegte sich einen neuen Hit. Ach, dachte er heimlich bei sich, da kommt mir gerade diese bildschöne Melodie in den Sinn, die sich anhört, als wäre sie wie für ein Hackbrett gemacht. Ich habe zwar kein Hackbrett, fuhr er in seinem inneren Monolog fort, aber das macht nichts, denn eines Tages wird sicher eine Band mit Hackbrett kommen und das Lied nachspielen. Und genau so ist es TATSÄCHLICH gekommen! Ist das nicht verrückt?
GOTHIC: Was meinst Du: Wird Rudy sich durch Eure Version seines Songs geschmeichelt fühlen, oder veralbert - oder interessiert sie ihn nicht weiter? Und: Ist es für Dich völlig unproblematisch, VIOLET durch diesen Song in einen Zusammenhang zu einer CD zu setzen, deren Cover ganz eindeutig mit Hakenkreuzästhetik kokettiert?
FRAU STÜCKER: Er kennt unsere Version schon, da sie im letzten Jahr bereits auf dem DJ-Dwarf zu "Schädling" erschienen ist. Und zum Glück ist er ja neuerdings Kommunist, wie man am "Fuckit"-Artwork beobachten kann.
GOTHIC: "Wreath Of Barbs" ist nicht der einzige Fremdtext auf dem Album, Ihr habt auch jeweils ein Gedicht (?) von Fray Luis de Leon und Francisco de Quevedo aus dem 16. Jahrhundert vertont. Was ist Dein persönlicher Bezug zu diesen Texten, und inwieweit passen auch sie unter die Überschrift "Modern Life"?
FRAU STÜCKER: Genau, das sind alte spanische Gedichte, wir lieben ja das Spanische sehr. In "Poderoso Caballero" geht es um etwas sehr Modernes, nämlich die Finanzkrise, wie die (etwas altbackene) Übertragung einer Strophe beweist: "Glänzend ist er ["Don Dinero", hier übersetzt als "Herr Dukaten"] als Begleiter, scheint er oft auch etwas matt; einer, der es in sich hat, ist er und ein großer Streiter, und hinweg setzt er sich heiter über alle Bürokraten: stärker als die Potentaten ist Herr Dukaten."
GOTHIC: Ich habe das Gerücht gehört, Ihr würdet Eure Songs tatsächlich in Olivers und Deinem Wohnzimmer aufnehmen - stimmt das? Und wenn ja: Ist das nicht relativ eng? Wie bekommt man unter diesen Umständen einen dermaßen klaren Sound zustande?
FRAU STÜCKER: Inzwischen beansprucht unser Studio zwei komplette Räume. Aber aufgenommen wird im Schlafzimmer! Wer uns das nicht glaubt, kann gerne mal als Gastmusiker mitwirken. Natürlich nur nach einem ausführlichen Casting! Mit dem Sound sind wir dieses Mal wirklich relativ zufrieden, es steckt aber auch eine Menge Arbeit drin. Ich glaube, dass es mit den Jahren besser wird, macht tatsächlich die Erfahrung.
Das Interview führte Daniela Turß.
inen Tag vor dem zweitletzten The-Book-of-Eden-Spektakel, für das erstmals Kai Meyer persönlich als Vorleser engagiert war, Lily Qamar als Gasttänzerin vorbeikommen sollte und das KixTheater sich um den Verstand geprobt hatte, rief Daniel an.
"Ich glaub, ich kann morgen nicht kommen", sagte er.
"WAS", fragte Oliver.
"Wir ziehen nämlich übermorgen um", sagte Daniel.
Oliver randalierte daraufhin ein bisschen in der Wohnung herum. Dann griff er erneut zum Telefon.
"Du MUSST kommen", donnerte er.
"Ich versuchs", versprach Daniel.
Der Veranstaltungsort hieß Alter Schlachthof und lag im schönen Soest. Wir wurden von einer uns zugewiesenen Betreuerin empfangen, die uns Handtücher anbot. "Damit wir uns den Schweiß von der Stirn wischen und sie anschließend in die tobende Menge schmeißen können", fragte ich.
KixTheater-Simon, auch bekannt als der Frühling, wusste jedoch sofort etwas mit den Handtüchern anzufangen und wusch sich als erstes die Haare. Dann trug Rainer das mitgebrachte Essen herein. Die Betreuerin blickte skeptisch. Auf dem Tisch standen bereits Schnittchen.
"Das warme Catering kommt gegen sieben", informierte uns die Betreuerin.
"Da kann man sich nicht drauf verlassen", erklärte Oliver, als die Betreuerin sich aus dem Staub gemacht hatte. Er erwartete nur Schlechtes, da die Veranstalterin im Vorfeld bereits vergessen hatte, Werbung für uns zu machen, worüber wir insgesamt nicht sehr vergnügt waren.
Zum Glück hatten wir aber kurzfristig doch noch aus eigener Kraft ein paar Leute auf uns aufmerksam machen können, es konnte also losgehen. In letzter Minute tauchte sogar der Rest der Band auf, bis auf Markus. Bei uns ist es ja immer spannend bis zum Schluss. Bloß Daniel war pünktlich. Und das warme Catering.
"Hätte ich nicht mit gerechnet", beharrte Oliver, "mit dem Catering."
Und dann ging alles gut. Das KixTheater schälte sich graziös aus dem Tüll-Schnee, Lily zeigte Akrobatisches, die Technik lief, Kai las Szenen vor, in denen Erbrochenes vorkam, und ich vergaß keine Ansagen und fiel auch nicht hin. Bloß Gurbet war einmal nicht dran.
Ganz vertieft beugte er sich über seine Saz und begann hingebungsvoll das Intro zum Lied Bagdad zu spielen. Ich tippte ihm unauffällig von hinten auf die Schulter.
"Gurbet", wisperte ich, "erst lesen!"
"Hm", fragte er und spielte weiter.
"Erst lesen", wiederholte ich eindringlicher.
"Erst lesen", fragte er und spielte weiter.
Heimlich zog ich mich hinter den Vorhang zurück.
"Setz dich einfach schon mal hin", ermunterte ich Kai, "dann geht er von alleine weg!"
Kai sah mich beunruhigt an.
"Ja", fragte er.
"Auf jeden Fall", behauptete ich.
Leider ging Gurbet aber doch nicht von alleine weg.
"Ich muss jetzt erst lesen", erklärte Kai ihm freundlich.
"Ach so", rief Gurbet, sprang erschrocken auf und ergriff hastig die Flucht.
"Ist das peinlich", fand er, "ich dachte: Was meint die denn, erst lesen, erst lesen?"
Wir hatten vergessen, ihm einen Ablaufplan zu geben.
Nach dem Konzert wurde wieder viel getrunken.
"Ich interessiere mich sehr für Literatur", erklärte Gurbet an Kai gewandt, "kennst du Nazim Hikmet?"
"Leider nicht", sagte Kai.
"War doch gut heute", freute sich Oli L.
"Nazim Hikmet", sagte Gurbet.
"Kenn ich leider nicht", wiederholte Kai betrübt.
"Es ist aber doch noch ganz schön voll geworden", fand Rainer und prostete sich selber zu.
"Gott sei dank", seufzte ich, "das wäre ja sonst auch blöd gewesen, wo Kai und Lily extra gekommen sind."
"Nazim Hikmet", sagte Gurbet, "kennst du echt nicht?"
"Nein", sagte Kai.
"Nehmt euch ruhig noch Schnittchen", bot Sylvia, unsere Kostümbildnerin, die immer von allen Tante Sylvia genannt wird, obwohl sie das gar nicht möchte, an, "ist ja genug da!"
Alle nahmen sich noch Schnittchen und vor allem Bier.
"Komisch", sagte Gurbet, "Nazim Hikmet kennt doch jeder."
ie Lieder, die die Welt dringend braucht, sind aus dem Presswerk zurückgekehrt und sehen aus, als kämen sie frisch von der Beautyfarm. Außerdem ist „Modern life“ eine Art Abenteuerreise zum Anhören. So kann man zum Beispiel echte Geräusche aus Indien erleben, die ein Mann namens Mark, der mittlerweile übrigens nach Dänemark ausgewandert ist und seitdem auch so genannt wird, persönlich mit seiner Kopfkamera für uns aufgenommen hat. Die Kopfkamera hat sich der Däne-Mark unternehmungslustig um die Stirn geschnallt, sodass man hätte glauben können, er sei Halsnasenohrenarzt. Ist er aber nicht. Er ist Briefträger. Egal, jedenfalls hat er sich in der oben beschriebenen Verkleidung während seines Indienaufenthalts an eine Versammlung von Menschen herangepirscht, die gerade mit dem Entzünden eines Feuers befasst war. Der falsche Doktor wollte natürlich sofort filmen. „May I come closer“, fragte er deshalb ganz international, "can I come closer to the fire?" Die Versammlung sagte nein, aber das Lied heißt trotzdem so. Come closer to the fire. Man kann den Doktor darauf sprechen hören und die Versammlung auch. Aber erst ab dem 27. Februar. Ist das nicht aufregend?

as Equalizer-Preset für das Cembalo heißt „Evil Rock Organ“. Ich bin der Ray Manzarek des psychedelischen-Mittelalter-Post-Pop!
ie Geschichten über das moderne Leben stehen kurz davor, ins Presswerk geschickt zu werden. Wahrscheinlich fühlen sie sich im Moment so, als müssten sie ins Internat. Doch darauf können wir keine Rücksicht nehmen! Übrigens handelt es sich zweifellos um eine Aneinanderreihung von Meisterwerken. Bescheidenheit war ja noch nie unsere Stärke, HAHA!
as „Modern-Life“-Booklet bekommt zwanzig Seiten. Aber muss es ja auch viel hineinpassen, zum Beispiel meine sehr falschen Wimpern oder Oli L., der alleine schon an die drei Meter groß ist.
ür das „Festival Mediaval“ reisten wir bis an die tschechische Grenze. Die Umgebung dort ist bayerisch, streng genommen aber fränkisch, was für den Einheimischen einen großen Unterschied macht. Zur Begrüßung erwarteten uns Wahlplakate der CSU und der NPD. (Nachtrag: Die schöne Werbung hat beiden jedoch nicht viel genützt.)
Die Reise war sehr abenteuerlich, insbesondere Markus und Rainer führte sie über Stock und Stein, sodass Markus bei nur 240 Stundenkilometern urplötzlich ein Reifen platzte. Wir anderen, die zu gefühlten fünfzehn Personen im Neunsitzer fuhren, hätten Markus und Rainer notfalls auch zurückgelassen, schließlich hatten wir unsere Playbacks mit an Bord, wer braucht da schon echte Menschen. Aber: Markus und Rainer beförderten unser Mischpult! Wir mussten uns also Sorgen machen.
Zuerst versuchte Markus, das Reifenloch mit einem Spezialprodukt zu kleben.
„Ich spritz da jetzt was rein“, erklärte er mir am Telefon.
Ob das wohl hält, überlegte ich, tat aber optimistisch.
„Warum rufen die nicht den ADAC“, fragte das KixTheater.
„Die kommen sonntags nicht“, redete sich der Geiger heraus.
„Er sagt: Die kommen sonntags nicht“, informierte ich das KixTheater, das auf einer der Rückbänke saß.
„Wieso kommen die sonntags nicht“, fragte das KixTheater.
„Kann sein, dass wir es nicht rechtzeitig schaffen“, sagte Markus, „wir melden uns dann später noch mal.“
„Viel Glück“, wünschte ich.
Als wir an der tschechischen Grenze eintrafen, war es noch kälter als in Guggisberg.
Rainer und Markus kamen seltsamerweise nur wenig später an als wir.
„Wenn man über zweihundert fährt“, erklärte Rainer bleich, „sieht die Fahrbahnmarkierung aus wie eine durchgezogene Linie.“
Auf einmal wusste ich den Bulli sehr zu schätzen.
„Wir haben einen getroffen, der einen kannte, der eine Werkstatt hat“, erzählte Markus, „der hat den Reifen dann gewechselt.“
Also konnte es losgehen, wir waren alle erleichtert. Nur Gurbet war müde und begann vorsichtshalber, sich schon mal mit Bier wach zu halten.
Markus lud guter Dinge das Mischpult aus seinem blauen Flitzer.
„Ich musste ihm sagen, wann ein Parkplatz kommt“, raunte Rainer verstört, „das kann er bei der Geschwindigkeit nämlich nicht erkennen.“
Und ich hatte mich noch darüber beschwert, dass wir mit dem Bulli und dem Anhänger nur neunzig fahren konnten!
Man hörte deutlich mittelalterliches Gerumpel von jenseits des Zaunes. Überhaupt die Securityleute: Es handelte sich dabei um teils halsstarrige, teils wankelmütige, teils herzliche Charaktere. Die Herzlichen waren sehr nett, die Wankelmütigen wankelmütig. Die Halstarrigen wollten einen immer nicht reinlassen, bis sie den Backstagepass gesehen hatten, auch, wenn man sie schon ein paar passiert hatte. Sie wollten einen nicht einmal dann hereinlassen, wenn man zerzaust, in Verkleidung und mit einem Berg Instrumente auf dem Arm nach dem Auftritt vorbeikam und dringend ins Warme wollte.
„Da muss ich erst den Ausweis sehen“, sagte der eine Halsstarrige.
„WIR WAREN DOCH EBEN SCHON MAL DA“, bellte ich daraufhin. Aggression ist Hilfslosigkeit, Ihr wisst schon.
„Ich muss trotzdem erst den Ausweis sehen“, beharrte der Halsstarrige, „hier gehen viele ein und aus.“
Also stellte man alle Instrumente eines nach dem anderen auf dem vereisten Erdboden ab, klaubte den Ausweis hervor und warf dem Securitymann gewaltbereite Blicke zu.
„Okay“, sagte er ungerührt.
Ich meckerte noch ein bisschen vor mich hin, hoffentlich hat er das gehört.

Auf der Burgbühne waren es ungefähr zwei Grad minus, das Tageslicht brach grell durch die grauen Wolken und die Fernsehteams filmten natürlich gerade auf der Hauptbühne.
„Das wird aber kalt beim Tanzen“, prophezeihte Britta.
Das hatte sie recht. Es war wie eine Kneippkur: Bei zwei Grad minus auf einer windigen Bühne barfuß und im Bauchtanzuniform, und kein Fernsehteam in Sicht! Das ist doch alles Scheiße. Zum Glück kamen wenigstens eine ganze Menge Zuhörer in Phantasiekostümen gucken, wie Oliver, Rainer, Markus, Daniel, Oli L., Britta, Gurbet und ich und das KixTheater unsere bereits im In- und Ausland erprobte „Eden“-Show vorführten.
Die Band saß nachher geschlossen im Backstagezelt und betrank sich, denn die Getränke waren genauso umsonst wie alles andere. Selbstverständlich nur für Leute mit Ausweis, deshalb durfte auch der berühmte Michi Schubert, der einstmals das „Eden“-Cover entwarf und zufällig gerade an der tschechischen Grenze herumwohnte, nicht mit hinein. Zum Trost schmuggelte ich ihm eine Flasche Wasser nach draußen in die Kälte.
Es wurde noch ein vergnüglicher Abend, wenn man davon absieht, dass mir beim Tanzen der Gürtel hochgerutscht ist. So was hängt einem ja stundenlang nach.
Leider wurde im Hotel Hygiene kleingeschrieben, um es mit den Worten Charlotte Roches auszudrücken.
„Das ist bestimmt ein Stundenhotel“, spekulierte Oliver.
Ich zog vorsichtshalber Schuhe an, wenn ich ins Bad ging. Das Bad war doppelt so groß wie das eigentliche Zimmer, es hatte sogar eine rosa Badewanne mit kaputter Duschvorrichtung. Überhaupt war alles erstaunlich rosa, ich fühlte mich sofort heimisch. Das Wunderlichste kommt aber noch: „Du“, sagte ich zu Oliver, „guck mal, neben dem Klo steht ein Stuhl.“
Neugierig überzeugte er sich selbst.
„Ich sag ja: Stundenhotel“, fühlte er sich bestätigt.
Eigentlich konnte ich es mir nicht vorstellen. Aber neben der Badewanne gab es auch noch eine Bank.

a es auf „Modern life“, der wegweisenden nächsten CD, um das moderne Leben gehen wird, mussten wir natürlich ins Fernsehen. Denn was ist der moderne Mensch, wenn er nicht vor Millionen von Zuschauern stattfindet? Ein Nichts. Also haben wir uns vor eine Kamera gesetzt und sie an den Fernseher angeschlossen. Zack, schon waren wir da, wo sonst nur Madonna, Peter Klöppel, spektakuläre Verbrechen und ungeklärte Vaterschaften sind! Wer hätte gedacht, dass es so einfach ist mit der Karriere? Dass da außer uns noch keiner drauf gekommen ist!
Das musste natürlich festgehalten werden. Dafür haben wir extra einen Fotografen engagiert, der die Fernseherbilder für alle Zeit konservierte.
Hier die FAQs zu diesem einschneidenden Erlebnis:
Hat Euch das Fernsehen verändert?
Ja. Rainer sieht seitdem aus wie Geiermeier und überlegt schon, ob er das Tubaspielen anfangen soll.
Seid Ihr jetzt reich?
Das waren wir vorher schon.
Wie ist es, auf der Straße von allen erkannt zu werden?
Keine Ahnung. Wir gehen ja nicht raus.
inmal sind wir in die Berge gefahren. Die Berge, um die es ging, lagen beziehungsweise erhoben sich in der Schweiz. Wir freuten uns natürlich: Endlich mal wieder international unterwegs! Das macht Eindruck.
Weil wir abends da sein mussten, machten wir uns früh am Morgen auf dem Weg. Es passte aber nicht alles in den Bulli, also mussten Oliver und ich mit unserem achtzehnjährigen Kaiser Wilhelm fahren, auf dessen Dach schon etwas Moos wächst. Wir fahren nämlich nie durch die Waschanlage, weil davon der Untot-Aufkleber unter dem rechten Rücklicht abgehen könnte. Kaiser Wilhelm sollte eigentlich in seinem Alter mal langsam den Führerschein machen, finde ich, und uns wie damals K.I.T.T. von alleine durch die Gegend chauffieren. Außerdem ist er ein Toyota Corolla mit Automatik, was die Sache noch mal einfacher macht. Aber unser Auto ist geistig offenbar noch nicht weit genug, also mussten wir selber ran.
Daniel, als echter LKW-Fahrer, fuhr den Bulli, mit Oli L., Rainer, Gurbet und einem gewissen Benni drin, der keine spezielle Aufgabe hatte, später aber freiwillig Hilfstätigkeiten übernahm. Markus war nicht dabei, warum, weiß ich auch nicht mehr. Ein bisschen Schwund ist immer.
Hinter der Grenze fingen die Berge an. Zuerst waren es noch sanfte Hügel, durch die zahlreiche Tunnel führten, doch kurz vor dem Ziel wurde es plötzlich steil. Oliver und ich waren uns längst nicht mehr sicher, ob wir uns auf dem richtigen Weg befanden.
„Wir können ja mal fragen“, schlug ich vor.
Da weit und breit keine Menschen zu sehen waren, entschieden wir uns für einen Halt an der Tankstelle. Leider haben die Schweizer die Angewohnheit, ihre Zapfsäulen ohne dazugehöriges Kassenhäuschen einfach irgendwo in die Landschaft zu stellen. Das Benzin bezahlt man mit der EC-Karte. Fragen fiel hier also erst mal aus.
Bis Oliver einen Postboten mit Cowboyhut entdeckte.
„Der hat sich kaputtgelacht“, berichtete er, „er hat gesagt: Da rauf und dann über die unbefestigte Brücke und dann weiter.“
Da ich nicht unter Höhenangst leide, brachten mich diese Aussichten nicht aus der Ruhe.
„Das ist die Brücke“, sagte Oliver beklommen.
Die Brücke sah aus wie von vor hundert Jahren. Außerdem war sie aus Holz.
„Andere fahren da auch drüber“, beruhigte ich uns und gab Gas. Oliver machte vorsichtshalber die Augen zu.
Das war jedoch nur der Anfang. Während wir unsere Reise fortsetzten, ging es am Straßenrand immer tiefer bergab.
„Warum haben die hier keine Leitplanken“, fragte Oliver, „oder Zäune?“ Er sagte, er könne da gar nicht hingucken.
Interessiert warf ich einen Blick in das schluchtartig abfallende Tal. Die Straße verlief in engen Kurven.
„Aber schön sieht es aus“, fand ich.
„Mir ist schlecht“, sagte Oliver.
Weiter oben sah man ein vermutlich schweizerisches Auto die Serpentinen entlangsausen.
„Guck mal“, sagte ich, „die fahren hier doch auch lang!“
„Ich guck da nicht hin“, erklärte Oliver entschlossen.
„Wie heißt noch mal der Ort, wo wir hinmüssen“, erkundigte ich mich.
„Guggisberg“, keuchte Oliver.
„Hm“, sagte ich.
Die Orte, die wir bislang passiert hatten, bestanden alle aus maximal zwei Häusern oder Almen.

„Da ist unser Hotel“, rief ich erleichtert nach nur wenigen Stunden Fahrt.
Es war das einzige Hotel in der ganzen Gegend. Guggisberg bestand aus mehreren Häusern, verfügte aber nur über eine einzige Straße. Zwischen den Häusern hing dichter Nebel, der sich später als Wolken herausstellte. Ein düsteres, neben dem Hotel gelegenes Gebäude trug die Inschrift DAHEIM.
Wie unheimlich, dachte ich und erschauerte automatisch.
Trotz der Jahreszeit waren es höchstens zehn Grad.
„Am besten, wir rufen mal die andern an“, sagte Oliver.
Das Hotel war überraschendweise sehr elegant und im Restaurant gab es ein Panoramafenster. Überhaupt war der Ausblick bildschön, in der Ferne ragten die Alpen in die Höhe, ansonsten sah alles aus wie eine idyllische Nauturatrappe.
„Wie die Landschaft bei Spielzeugeisenbahnen“, verglich Daniel.
„In Polen sieht es so ähnlich aus“, wusste Rainer.
„Ich muss mich erst mal hinlegen“, sagte Gurbet, „ich hab schlecht geschlafen.“
Aber wir waren ja nicht zum Vergnügen da.
Um zum Veranstaltungsort zu gelangen, mussten wir uns an einen Ort begeben, der Hirschmatt hieß, denn dort fand das „Keltenfest“ statt. Hier gab es überhaupt keine Straßen mehr, nur noch Trampelpfade. Außerdem regnete es beständig aus den uns umgebenden Wolken.
Dessen ungeachtet liefen viele KeltenfestbesucherInnen barfuß. Das Gelände lag auf einer Anhöhe zwischen zahlreichen Gipfeln und Tälern, von der Bühne aus hatte man einen Blick auf die Umgebung, die wie ausgedacht erschien.
Abgesehen von der Kälte, die man besonders im Bauchtanzkostüm sehr deutlich spüren konnte, lief alles sehr gut. Sogar unserer komplizierten Playbacktechnik machte das Wetter nichts aus, sie fühlte sich offenbar wohl. Wir fühlten uns auch wohl. Die Leute klatschten und tanzten, obwohl sie genauso gut auch nach Hause ins Trockene hätten gehen können.
„Das war das beste Konzert, das ich je hatte“, behauptete Gurbet.
„Das war super, oder“, fand auch Daniel.
„Das war echt super“, stimmte Oli L. mit etwas verwischter Aussprache zu, da nach dem Auftritt bereits einige geistige Getränke genossen hatte.
Am nächsten Tag ging es nach Lenzburg. Vorher machten Rainer, Daniel und ich allerdings noch eine Wanderung durch die Phantasielandschaft, pflückten Himbeeren vom Strauch, fotografierten hochbeinige Kälber, die verzierte Glocken um den Hals trugen, und waren insgesamt sehr vergnügt. Wir als Städter kannten so etwas ja nur aus dem Fernsehen. Bloß Oliver hatte Migräne und musste im Hotel bleiben, wahrscheinlich weil er nicht schwindelfrei ist.
In Lenzburg war wieder Sommer. Unser Konzert fand in der „Metbar“ statt, aber die Leute dort waren lange nicht so euphorisch, wie die Hochgebirgsbewohner.
„Das war das schlechteste Konzert, was ich je hatte“, war Gurbet sofort beleidigt.
Am nächsten Morgen war er weg.
„Wo ist Gurbet“, fragte ich beim Frühstück.
„Der ist dageblieben“, erklärte Rainer, der eigentlich als Gurbets Zimmergenosse eingeplant gewesen war, und biss in sein Brötchen.
„Wie, dagegeblieben“, hakte ich nach.
„In der Metbar“, präzisierte Rainer.
Oliver malte sofort Schreckensszenarien an die Wand, die davon handelten, wie Gurbet in der Schweiz unter die Räder kam und niemals wieder auftauchte.
„Ach“, winkte Rainer ab.
Etwas bang marschierten wir zum Bulli. Daniel, Oli L. und der gewisse Benni, die auf eine andere Unterkunft verteilt woren waren, hatten sich schon eingefunden.
„Wo ist Gurbet“, fragte Oliver in Alarmbereitschaft.
„Der hat im Bulli gepennt“, sagte Daniel.
„Morgen“, rief Gurbet guter Dinge, „ich hab im Bulli gepennt!“
„Erst mal lüften wir aber, bevor wir fahren“, beschloss Daniel.
Wie schön, dass Oliver und ich Kaiser Wilhelm dabeihaben, dachte ich.
or kurzem haben wir beim „Hörnerfest“ gespielt, in Brande-Hörnerkirchen. Wir behaupten aber immer, das Fest wäre in Hamburg gewesen.
Außer uns standen alles nur Metalbands auf dem Programm.
„HÖRNERFEST“, brüllte der Sänger der Metalband, die vor uns dran war, wie unter Qualen, „IHR SEID GEIL!“
Die Fans vor der Bühne fühlten sich geschmeichelt und reckten ausgelassen ihre Fäuste in die Luft.
Wir warteten etwas beklommen darauf, dass die Band fertig wurde.
„Du“, sagte Oliver zu Daniel, „ich muss dir was sagen. Ich hab deine Sticks zu Hause vergessen.“ Die Tasche mit den Sticks hat nämlich ihren festen Platz im Proberaum.
„Nee, nä“, fragte Daniel ungläubig.
„Doch“, beteuerte Oliver.
„Oh, nee“, stöhnte Daniel.
„Vielleicht kannst du dir ja welche ausleihen“, schlug Oliver vor. Daniel machte sich also auf die Suche nach anderen Schlagzeugern.
„Ich hab welche“, sagte er fünf Minuten vor dem Auftritt. Die Sticks sahen aus, als hätte man sie lange mit einem Beil bearbeitet. Trotzdem überstanden sie das Konzert.
Einige Leute applaudierten sogar, andere traten interessiert näher. Wiederum andere bewegten sich rhythmisch im Takt. Ein gutes Zeichen, fanden wir, für so eingefleischte Metalfans.

„Was spielst du denn für einen Bass“, fragte ein anderer Bassist Oli L. hinterher.
„Keine Ahnung“, antwortete Oli L. Er hat seinen Bass vor vielen Jahren von Chelsea gekauft und seitdem noch nie die Saiten gewechselt.
Daraufhin ließ der fremde Bassist ihn einfach stehen.
Wir finden: Gib dich anderen gegenüber ruhig so komisch wie du eben bist. Kunst und Wahnsinn liegen sowieso dicht beeinander.